Sars-Cov-2

Bis zu 2000 Antikörper-Tests an der Universität Zürich: Lüftet das die Dunkelziffer?

Wer hat sich bereits mit Sars-Cov-2 infiziert und ist deshalb immun? Der Neuropathologe Adriano Aguzzi will dies noch diese Woche mit neuen Antikörpertests herausfinden.

Was dem neuen Coronavirus zum Erfolg verhalf, könnte auch zu seinem Verhängnis werden: die Zacken seiner Krone. Oder besser gesagt: die stacheligen Eiweissfortsätze auf seiner Oberfläche: die Spikes, wie sie auf Englisch heissen. Diese Stacheln docken an die Zellen in unserem Rachen an – und ermöglichen so dem Virus den Zugang zu den Zellen. Die Spikes verraten das Virus aber auch: Unser Immunsystem reagiert auf sie und bildet auf die Spikes zugeschnittene Antikörper, um die Krankheit zu bekämpfen. Bei Personen, welche infiziert worden sind und die Krankheit überstanden haben, bleibt auch danach eine gewisse Immunität zurück. Wie lange diese anhält, ist noch unklar. Vermutet werden einige Monate bis Jahre.

An der Universität Zürich sollen nun ab dieser Woche pro Tag 1’000 bis 2’000 Tests durchgeführt werden, welche diese Antikörper in Blutproben identifizieren können. Das hat Adriano Aguzzi, Direktor des Instituts für Neuropathologie am Universitätsspital Zürich, im Tagesanzeiger mitgeteilt. Bereits am 13. März hatte der Forscher gegenüber higgs angekündigt, solche Tests machen zu wollen. Es fehle ihm aber die Bewilligung. Aguzzi kritisierte die Behörden in dem Interview scharf. Nun hat der Neuropathologe offenbar grünes Licht bekommen.

Für seine Forschung braucht Aguzzi Blutproben, und zwar viele. Hierfür stehe ihm die Biobank mit Blutproben des Universitätsspitals von etwa 100’000 Personen zur Verfügung, sagte Aguzzi im Interview mit higgs. «Und wir erhalten jeden Tag neue Proben. Jede Patientin, jeder Patient, der im Universitätsspital Zürich behandelt wird, kann seine Einwilligung geben, dass sein Blut in diese Biobank gelangt.»

Die Antikörpertests unterscheiden sich stark von den Tests, welche derzeit durch den Bund durchgeführt werden. Bei diesen handelt es sich um sogenannte PCR-Tests: Sie können das Erbgut des Virus durch einen Abstrich in Rachen und Nase nachweisen – jedoch nur in der Phase der Infektion. Laut Bundesamt für Gesundheit werden derzeit täglich 7’000 solcher Tests durchgeführt. Allerdings nur bei Senioren und Personen aus Risikogruppen.

Der Antikörpertest hingegen, den Aguzzi nun breit anwenden will, funktioniert erst ab dem Zeitpunkt, an dem der Körper das Virus entdeckt hat und Antikörper produziert. In einer Fallstudie an einer Patientin konnten finnische Forschende Antikörper am neunten Tag nach Infektion nachweisen. Der Test kann aber auch Monate nach der Infektion noch angewendet werden, weil die produzierten Antikörper gegen das Virus monate- bis jahrelang im Blut zirkulieren und den Menschen gegen eine erneute Infektion immun machen.

Der neue Test, der in Zürich zur Anwendung kommen soll, ist von Forschenden der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York entwickelt worden. Er beruht auf künstlich hergestellten Proteinen, die den Spikes ähneln. Falls in einer Blutprobe Antikörper gegen das Virus vorhanden sind, verbinden sie sich mit den künstlichen Stacheln – und der Test zeigt durch seine Farbe positiv an.

Das Problem bei Antikörpertests: Sie sind oft unzuverlässig, da sie auch auf anderen Viren als die gesuchten reagieren. Die Forschenden der Icahn School of Medicine überprüften die Zuverlässigkeit an 63 Blutproben, von denen drei von Covid-19-Patienten stammten. Zudem war eine Probe von einer Person dabei, die mit dem andersartigen Coronavirus NL63 infiziert war. Tatsächlich identifizierte der Test alle Blutproben richtig. «Unser Test kann die Reaktion des Körpers auf eine Infektion schon drei Tagen nach den ersten Symptomen anzeigen und dabei helfen, Überlebende, die immun sind, zu finden», sagt Studienleiter und Virologe Florian Krammer von der Icahn School of Medicine in einer Mitteilung. «Diese Leute könnten dann ihr Plasma spenden, was dem Imunsystem von sehr kranken Covid-19-Patienten helfen könnte.» Auch könnten die Tests helfen, Spitalpersonal zu identifizieren, welches bereits gegen das Virus immun ist und so nicht mehr Gefahr läuft, sich anzustecken. Diese Personen könnten dann die riskanteren Aufgaben, also solche mit mehr Ansteckungsgefahr, übernehmen.

Und vor allem: gross angelegte Bluttests könnten die Frage nach den Dunkelziffern klären. Verschiedene Studien gehen im Moment davon aus, dass die Zahl der Infizierten in Tat und Wahrheit bis zu elf Mal höher ist. Rund 90 Prozent der Fälle könnten unentdeckt sein, wie Forschende berechneten. «Ich gehe davon aus, dass sich zwei von 100 Menschen in der Schweiz mit dem Virus infiziert haben. Das heisst, dass jeder fünfzigste Bewohner der Schweiz das Coronavirus in sich trägt. Die Wahrscheinlichkeit liegt damit bei zwei Prozent, auf eine infizierte Person zu treffen», sagte Aguzzi in einem Interview am 17. März mit dem Blick. Ausserdem könnte über die Tests zum Beispiel auch geklärt werden, wie viele Kinder infiziert sind und ob die Schulen deshalb geschlossen bleiben müssen oder nicht.

Und über Langzeitstudien könnten wir herausfinden, wie lange die Immunität anhält. Das würde letzten Endes die Entwicklung von Impfstoffen voran bringen.

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