Das grosse Schmelzen am Nordpol

«Die Arktis, wie wir sie heute kennen, ist verloren»

Bis in 30 Jahren gibt es im Sommer am Nordpol kein Meereis mehr. Die Folgen für die Natur sind dramatisch, aber auch für die Menschen. Was ist noch zu retten?

Das musst du wissen

  • Seit 1979 hat die Arktis jedes Jahrzehnt über 10 Prozent ihres Meereises verloren.
  • Das nördliche Polarmeer wird im Sommer noch vor dem Jahr 2050 eisfrei sein.
  • In der Arktis sind 20 Prozent der Landfläche geschützt – doch auch diese verändern sich wegen des Klimawandels rasch.

Der Eisbär treibt auf einer Eisscholle ins Meer hinaus: ein Bild, das sich in unser Gedächtnis einprägt – als Symbol des Klimawandels. Aber im hohen Norden geht es um mehr als verzweifelte Eisbären. Wenn die Arktis auftaut, sterben nicht nur Tiere und Pflanzen aus. Ganze Landschaften und Ökosysteme gehen verloren – und das Leben der indigenen Völker und lokalen Gemeinschaften bricht radikal.

Seit 1979 hat die Arktis jedes Jahrzehnt etwa 13 Prozent der Meereisausdehnung verloren. Und das grosse Schmelzen wird weiter gehen, wie neue Forschungen zeigen. So wird das nördliche Polarmeer im Sommer noch vor dem Jahr 2050 eisfrei sein. «Die Arktis, wie wir sie heute kennen, ist verloren», sagt Gabriela Schaepman-Strub, Professorin für Erdsystemwissenschaften an der Universität Zürich.

Den Klimawandel in der Arktis erlebt die Umweltwissenschaftlerin Victoria Buschman jeden Tag vor der eigenen Haustür im Norden von Alaska: «Durch das Schmelzen des Meereises wandert die Küstenlinie jedes Jahr bis zu zehn Meter landeinwärts in Richtung Stadt», sagte sie kürzlich am World Biodiversity Forum in Davos.

Victoria Buschman ist eine Inuit-Schutzbiologin aus Nordalaska mit mehr als zehn Jahren Forschungserfahrung in der Arktis.Ihr Fachgebiet ist die Erhaltung von Land, Gewässern und Arten in den Heimatgebieten der arktischen Ureinwohner. Sie hat einen Master in Wildtierwissenschaften und einen Master in Umweltpolitik. Sie wird bald ihre Doktorarbeit über indigene Beiträge zur Erhaltung der Artenvielfalt in der Arktis abschliessen.

Victoria Buschman ist derzeit als Conservation Research Fellow am Grönländischen Institut für natürliche Ressourcen in Nuuk und als Forschungsberaterin für den Inuit Circumpolar Council in Alaska, Kanada und Grönland tätig. Sie ist auch eine ehemalige Fulbright Arctic Scholar mit der Arbeitsgruppe für Biodiversität des Arktischen Rates zur Erhaltung der arktischen Flora und Fauna (CAFF). Sie hatte das Glück, in allen acht arktischen Ländern zu reisen und zu arbeiten. Derzeit lebt sie in Grönland.

Die Frau aus dem Volk der Inuit arbeitet am Institut für Nationale Ressourcen in grönländischen Nuuk. «Ganze Dörfer müssen umgesiedelt werden, weil sie einfach ins Meer rutschen», sagt sie.

Nicht nur der Ozean rückt näher, die Menschen im arktischen Raum sind förmlich umzingelt von den negativen Folgen der Erderwärmung. Die steigenden Temperaturen setzen der Vegetation zu. Im hohen Norden sind dies vor allem Moose und Flechten – für die Arktis sind sie essentiell. Sie isolieren den Boden und bewahren ihn so vor dem Auftauen. Sind sie weg, schmilzt der Permafrost noch schneller und das setzt darin eingelagertes Methangas frei, welches wiederum als Treibhausgas wirkt und die Erwärmung weiter antreibt. Ein Teufelskreis.

In Sibirien beobachtetet Gabriela Schaepman-Strub so zu sagen live, wie eine Tierart infolge des Klimawandels ausstirbt. «Weil immer mehr Regen statt Schnee fällt, nehmen Überschwemmungen zu und gefährden die Nistplätze des sibirischen Kranichs.» Der Vogel ist eine der stärksten gefährdeten Tierarten. Weltweit gibt es davon noch etwa 3’000 Exemplare.

Gabriela Schaepman-Strub ist Professorin für Erdsystemwissenschaften an der Universität Zürich.Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der Biodiversität und den Funktionen von Pflanzen in der Arktis. Sie arbeitet mit experimentellen Methoden und Fernerkundung mittels Drohnen und Satelliten. Einer ihrer Forschungsorte ist die jakutische Arktis in Russland, wo sie das auch sozio-ökologische Studien durchführt.

Gabriela Schaepman-Strub ist Schweizer Delegierte in der terrestrischen Arbeitsgruppe des Internationalen Arktis Wissenschaftsausschuss (IASC) und Schweizer Delegierte in der Gruppe für die Erhaltung von Flora und Fauna des Arktischen Rats, dem die Schweiz seit 2017 als Beobachterin angehört.

Nicht vom Aussterben bedroht sind die Rentiere, aber auch sie reagieren auf den Klimawandel. Sie werden immer kleiner, wie der Biologe Tom Arnbom feststellt. Der Assistenzprofessor an der Universität Stockholm und Senior-Berater des WWF Schweden betreibt seit über 40 Jahren Feldforschung in der Arktis und der Antarktis. «Das Ren frisst Moose und Flechten. Geringeres Nahrungsangebot bevorteilt kleinere Individuen, weil die grossen schlicht verhungern», sagt Arnbom. Hinzu kommt, dass die Jäger lieber grosse Tiere erlegen. Beide Effekte zusammen bewirken, dass sich mit der Zeit ein Genpool für kleine Tiere durchsetzt.

Tom Arnbom ist Assistenzprofessor an der Universität Stockholm, Senior-Berater beim WWF Schweden und ehemaliger Arctic Fulbright Scholar.

Arnbom ist ein Meeresökologe mit mehr als 40 Jahren Felderfahrung in der Arktis, Antarktis und in den Tropen. Seine Masterarbeit schrieb er zum Sozialverhalten von Pottwalen an der Memorial University of Newfoundland, in der Dissertation widmete er sich Seeelefanten. Er arbeitete zehn Jahre lang als Fernsehproduzent und Fotograf und hat mehrere internationale Filmpreise gewonnen.

Tom Arnbom war fünf Jahre lang Teil der schwedischen Delegation in der Internationalen Walfangkommission. Bevor er 2007 zum WWF kam, hatte er eine Stelle im schwedischen Umweltministerium inne. Mehrere Jahre lang war er für die EU-Kommission der europäische NGO-Vertreter für das Management grosser Fleischfresser. Heute gilt sein Hauptinteresse dem Management der Ozeane und der Arktis.

Schutz und Jagd kein Widerspruch

Die Bedrohung ihres Lebensraums habe viele indigene Gemeinschaften politisiert, sagt Victoria Buschman. Von den 250 Gemeinden der nordamerikanischen Arktis, wo sie herkommt, engagiere sich fast jede in irgendeiner Form in der Forschung oder Politik: Sei dies in Projekten für die Überwachung von Tier- und Pflanzenbeständen oder für das Management von Schutzgebieten. Einerseits bringt dies den Menschen Arbeit und den Gemeinschaften finanzielle Unterstützung. Vor allem aber gehe es um die Ernährung, sagt Buschman. «Die indigenen Völker leben in den abgelegensten Regionen der Welt und sind für ihre Ernährungssicherheit auf viele dieser Tierarten angewiesen.»

Einsatz für Naturschutz und gleichzeitig die Tiere jagen, ein Widerspruch? Nicht für die Inuit. «Wenn wir die natürlichen Ressourcen nutzen, kümmern wir uns um sie», sagt die Umweltwissenschaftlerin. Es sei ein grosser Unterschied, ob ein industriell betriebenes Schiff Wale jagt, oder die Einheimischen. «Ich stamme aus der grössten Buckelwal-Walfänger Gemeinde der Welt. Wir dürfen festgelegte Quoten von Buckelwalen jagen. Wir tun dies mit traditionellen Booten aus Walrosshaut und ohne Motor. Das ist sehr gefährlich. Das tun unsere Leute nicht, weil es lustig ist, sondern, um alle in unserer Gemeinschaft ernähren zu können – und weil es Teil unseres Lebensstils ist.»

Tatsächlich hält auch der Biologe Tom Arnbom Jagd und Naturschutz für vereinbar. Er war mehrere Jahre Mitglied der schwedischen Delegation in der internationalen Walfangkommission. Die traditionelle Jagd gefährde die Tierbestände nicht, sagt er. «Wesentlich problematischer ist das Aussterben infolge des Klimawandels.»

Wer weiss, wie Naturschutz geht?

Um dem Artensterben entgegenzutreten, sei es dringend nötig, neue Schutzgebiete auszuscheiden, betont die Biodiversitäts-Forscherin Gabriela Schaepman-Strub von der Universität Zürich. Derzeit sind in der Arktis zirka 20 Prozent der Flächen geschützt. Doch die meisten dieser Gebiete verändern sich infolge des Klimawandels rasch durch Pflanzen und Tiere, die von Süden her einwandern. So werden trotz Schutz einige Vegetationstypen sehr bald verschwinden. «Man müsste Gebiete schützen, die heute noch von Eis bedeckt sind», sagt Schaepman-Strub. Dies, damit seltene Pionierpflanzen, die spezialisiert sind auf karge Böden, neue Gebiete besiedeln können, die von den schmelzenden Gletschern freigegeben werden. Denn es gebe bereits Pläne für den Ausbau der Infrastruktur und die industrielle Entwicklung in der Arktis, mit denen auf die Natur im Norden ein enormer Druck zukomme.

Dass aber Naturschutz in entlegenen Gebieten schwierig sein kann, weiss Schaepman-Strub aus der sibirischen Arktis. Insbesondere, wenn Schutzmassnahmen aus einer Regierungszentrale angeordnet werden, wie das Beispiel der Fischerei zeigt. Fangquoten und erlaubte Techniken werden in Sibirien im Voraus für das ganze Jahr festgelegt, unabhängig von aktuellen Eisbedingungen auf Flüssen, Seen und auf dem Meer. Die lokale Bevölkerung aber passt ihre Fischereitechniken und -mengen den Wetterbedingungen an. Konflikte sind vorprogrammiert.

Naturschutz sei nur zusammen mit Ureinwohnern und lokaler Bevölkerung möglich, sagt auch der Schwede Tom Arnbom. Zudem sei es auch kostengünstiger, als jemanden von weit herzuholen, der zuerst lernen muss, wie man in diesen Gebieten lebt. Arnbom hofft, in Zukunft noch viel mehr das westliche Wissen zusammen mit lokalem Wissen zu nutzen. «Alles andere ist kolonialistisch.»

Wie Schutz und Forschung mit kolonialistischer Haltung schief gehen kann, zeigt das Beispiel der pazifischen Grönlandwale. Als in den 1980er Jahren eine Studie sehr tiefe Zahlen für die Populationsgrösse dieser Walart veröffentlichte, protestierten die indigenen Gemeinden in dem Teil Alaskas, aus dem Victoria Buschman stammt. Ihre Verwandten brachten dann die Forscher in die Gebiete, wo die Wale überwinterten. Die Zahlen mussten korrigiert werden. Buschman kennt unzählige solcher Geschichten über das verkannte Wissen der Indigenen. Wie jene aus Kanada, wo Forscher feststellten, dass Eisbären an die Küste kommen, um Moose und Flechten zu fressen. Die Schlussfolgerung war, dass die Bären hungern. Aber die Ältesten in der Gegend klärten die Wissenschaftler darüber auf, dass die weiblichen Eisbären dies seit jeher tun, wenn sie schwanger sind, um vor der Geburt den Verdauungstrakt zu reinigen.

Andererseits gibt es auch Berichte über übermässig grosse Rentierherden im Westen Russlands – gezüchtet werden sie von Einheimischen. Früher umfassten die Herden 300 Tiere, heute sind es 10’000 und mehr. Die Tiere fressen die Erde kahl und zertrampeln den Boden. Trotzdem berufen sich die Züchter auf ihre Tradition.

Solche Entwicklungen leugnet die Inuit Buschman nicht, aber sie hat eine Erklärung: «Wenn sich Menschen – egal wo auf der Welt – an den Kapitalismus gewöhnt haben, kann man nicht einfach von ihnen verlangen, dass sie aussteigen. Man muss ihnen eine Alternative anbieten.»

Stellt sich die Frage, ob das traditionelle Wissen für die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft der richtige Ratgeber ist. Denn: «Es ist schwierig, heute den Naturschutz für morgen festzulegen», sagt Schaepman-Strub. Wie sich die Ökosysteme verändern werden, könne man nur mit Wissen um Temperaturänderungen und Niederschläge vorhersagen. «Wir müssen nicht nur fragen, welche Landschaften oder Tiere wir heute schützen wollen, sondern welche für die Zukunft geschützt werden müssen und können.»

Sibirischer Kranich von unten betrachtet beim fliegenVom sibirischen Kranich gibt es weltweit nur noch etwa 3’000 Exemplare

Naturschutz ist in Zeiten des Klimawandels anspruchsvoller geworden, denn der Klimawandel ist komplex. «In den 1970er Jahren hat sich Brigitte Bardot gegen die Robbenjagd gestellt», so Tom Arnbom, «und Kanada stoppte die kommerzielle Jagd. Heute stirbt jedes Jahr eine halbe Million junge Robben, weil sie auf dem Eis geboren werden. Wenn dieses abbricht, fallen sie ins Wasser und erfrieren, weil sie noch nicht genügend Fett haben.»

Wachsender Druck, neue Koalitionen

Aber nicht nur der Naturschutz rüstet sich für die Arktis in einer wärmeren Zukunft: Bergbauunternehmen wollen am schmelzenden Pol Rohstoffe schürfen und nach Öl bohren. Reedereien planen bereits heute neue Seewege durch das dereinst eisfreie Polarmeer. Angesichts dieser Kräfte macht sich Gabriela Schaepman-Strub keine Illusionen. «Wir werden nicht die gesamte Arktis schützen können.» Das bedeute, dass der Naturschutz jetzt beginnen sollte, mit der Industrie zusammenzuarbeiten. «Damit sie nicht nur mit schönen Bildern auf ihren Websites behaupten, dass sie sich um die Biodiversität und die nachhaltige Entwicklung kümmern.» Von einer solchen Zusammenarbeit verspricht sich die Ökologin, dass sich die Sicht der Wissenschaft und der indigenen Bevölkerung in die Entwicklungspläne einbringen lassen. «Am Ende geht es um wirtschaftliche Interessen. Wir können diese Entwicklungen nicht grundsätzlich verhindern.»

 

Story von Beat Glogger