Moulagen der Medizin

Eine Sammlung voller Schmerzen

Die Wachsmodelle im Zürcher Moulagenmuseum sind nichts für schwache Nerven. Dennoch zählten sie vor über 100 Jahren zu den wichtigsten Lehrmitteln in der Dermatologie und haben eine turbulente Karriere hinter sich, in deren Verlauf sie beinahe zerstört wurden.

Das Gesicht hinter der Vitrine wirkt schmerzvoll angespannt. Über die geröteten Wangen der Frau ziehen sich krustenartige bräunliche Blasen. Auf dem linken Nasenflügel wuchert ein rot glänzendes Geschwür. Der Rechte ist zur Hälfte weggefressen. So sieht ein Gesicht aus, das von Hauttuberkulose befallen wurde. Das Wachsmodell ist eine von 600 Moulagen, die hier im Moulagenmuseum im Zürcher Hochschulquartier ausgestellt sind.

«Die nach dem Zürcher Rezept hergestellten Moulagen sind unglaublich gut erhalten, besonders die Farben», sagt die Konservatorin und Restauratorin Sabina Carraro. Zusammen mit dem Dermatologen und Kurator des Museums Michael Geiges kümmert sie sich seit über zehn Jahren um die faszinierend echt aussehenden Nachbildungen erkrankter Körperteile. Die dreidimensionalen Modelle in Lebensgrösse bestehen aus einem speziellen Harz-Wachs-Gemisch, welches über ein Gipsnegativ gegossen wird, das man zuvor von der kranken Körperstelle des Patienten abgenommen hat. Den daraus entstandenen Wachsabdruck bemalte die sogenannte Moulageuse naturgetreu ab und versah ihn mit Haaren und anderen Details wie Blasen, Schuppen und Krusten. Als Modell diente jeweils der Patient.

Bedeutendes Lehrmittel

Die im Museum Objekte zeigen hauptsächlich Haut- und Geschlechtskrankheiten. Über 2000 Stück umfasst die Zürcher Sammlung. Denn zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählten Moulagen zu den wichtigsten Lehrmitteln der Dermatologie und der Venerologie, der Lehre der sexuell übertragbaren Erkrankungen. Weshalb sich auch die Dermatologische Klinik Zürich kurz nach ihrer Gründung im Jahr 1916 eine Sammlung zulegte und eigens dazu eine Moulageuse aus Deutschland anstellte, damit diese die Krankheitsfälle aus der Klinik in Wachs festhielt. «In einer Zeit ohne Google, geschweige denn Farbfotos waren die Moulagen für die Studenten zentral, um die Krankheitsbilder und Hautveränderungen kennen zu lernen», sagt der Dermatologe und Medizinhistoriker Michael Geiges. So konnten sie die verschiedenen Erscheinungsbilder auch dann studieren, wenn gerade keine entsprechenden Patienten verfügbar waren. Denn zu dieser Zeit waren Patientendemonstrationen während der Vorlesung durchaus üblich. Bruno Bloch, der erste Chefdermatologe der Zürcher Klinik, liess den Hörsaal sogar extra so einrichten, dass die Patienten gut durch die Bankreihen passten und jedem Studenten einzeln vorgeführt werden konnten. War dies nicht möglich, waren die massstabsgetreuen Moulagen der perfekte Ersatz.

Aufklärung mittels Schock

Moulagen waren aber nicht bloss Lehrmittel für die Studenten, sondern eigneten sich auch ideal für die populäre Wissensvermittlung – zum Beispiel über Sexualität und Geschlechtskrankheiten. Denn diese waren Anfang des 20. Jahrhunderts stark im Fokus der Gesellschaft und der öffentlichen Debatte. «Es war ein grosses Problem, aber man hat es auch sehr dramatisiert», beurteilt Medizinhistoriker Geiges die Situation. Um 1920 erklärte auch die Schweiz die Geschlechtskrankheiten als Volkskrankheit und man versuchte die Bevölkerung mit zahlreichen Aufklärungskampagnen zu informieren. Im Zentrum der Bemühungen stand die als «Lustseuche» bezeichnete Syphilis. An sogenannten Hygieneausstellungen sollten die hyperrealistischen Moulagen erkrankter Geschlechtsteile die Besucherinnen und Besucher schockieren und sie so zu einem Wandel ihres Verhaltens bewegen. «Ob das viel bewirkt hat, ist fraglich. Aber zu einer Zeit, zu der man öffentlich kaum Haut zeigen durfte, war der Ansturm auf diese Ausstellungen jedenfalls riesig. Es war Sex and Crime im 20. Jahrhundert», so Geiges.

Übrigens verzeichnet die Schweiz auch heute wieder steigende Syphiliszahlen. Laut einer aktuellen Statistik des Bundesamts für Gesundheit (BAG) hat sich die Anzahl gemeldeter Erkrankungen in den letzten 10 Jahren mit rund 800 Fällen im Jahr 2018 nahezu verdoppelt. Jedoch sind moderne Präventionskampagnen weniger auf Angst und Schrecken ausgerichtet. Früher hingegen wurden Moulagen sogar als Propagandamittel eingesetzt. Zum Beispiel nutzte Chefarzt Bruno Bloch die gruseligen Wachsmodelle, um die Zürcher Bevölkerung vom Bau einer neuen Klinik zu überzeugen. Im Vorfeld der kantonalen Volksabstimmung zur Bewilligung der Baukosten hielt Bloch Vorträge in der Stadt und auf dem Land, zu denen er Moulagen mitbrachte, um das Leid seiner Patienten auf schauerliche Weise zu demonstrieren. Am 2. April 1922 wurde der Bau vom Volk genehmigt und Bruno Bloch war überzeugt, dass die Moulagen erheblich dazu beigetragen hatten.

Dem Untergang geweiht

Mit dem Beginn der 1950er Jahre und der Verbesserung der Farbfotografie endete allerdings die grosse Ära der Wachsmoulagen. Sie galten als veraltet, überholt und – im Vergleich zu Diabildern – als sperrig und platzraubend. Noch dazu waren sie viel aufwendiger herzustellen. Dementsprechend landeten viele Sammlungen in Kellerräumen. «Vielerorts wurden sie sogar eingeschmolzen. In Berlin gibt es deshalb kaum noch historische Moulagen», erzählt Restauratorin Carraro. Im Jahr 1973 waren schliesslich auch die Zürcher Moulagen zum Untergang bestimmt. «Alles wegwerfen oder einschmelzen», lautete der Auftrag des zuständigen Oberarztes, schreibt die damals an der Dermatologischen Klinik tätige Moulageuse Elsbeth Stoiber in ihrer Chronik, einer Art Erlebnisbericht über ihre Zeit in Zürich. Die Rettungsaktion verlief chaotisch: «Zunächst wurden die Einbauschränke im Zwischengang ohne vorgängige Besprechung oder Ankündigung demontiert. Ich fand morgens die Moulagen verstreut auf dem Boden liegend, in einem Winkel aufgetürmt.» Und einige Tage später heisst es da: «Bis ich Freunde mobilisieren konnte, die die Moulagen in Privatwagen, Firmenlastwagen und Pferdetransportern vorübergehend in Sicherheit brachten, waren bereits circa 80 Moulagen zerstört oder fehlten.»

Wiederauferstehung

Dem resoluten Einsatz von Frau Stoiber ist es zu verdanken, dass die Zürcher Moulagen heute noch existieren und den Studentinnen und Studenten wieder zur Vorbereitung auf das Staatsexamen dienen. So kamen die geretteten Moulagen alle wieder zurück, wurden aber zunächst in den Keller verbannt. Erst eine Ausstellung im Medizinhistorischen Institut leitete 1979 die Renaissance der gruseligen Kunstwerke ein. Die Moulagen stiessen auf reges Interesse und kamen ab da immer öfter bei Ausstellungen zum Einsatz, so dass auch die Universität Zürich deren didaktischen Wert wiedererkannte. Die Wiederentdeckung mündete 1993 in der Eröffnung des Museumsraums, in dem die geschichtsträchtigen Wachsmodelle heute ausgestellt sind.

Die Moulagen geben Einblick in die Forschung an der Dermatologischen Klinik zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Noch bis in die 1950er Jahre hielten die Forscher in Zürich wichtige Befunde aus Tierversuchen, Selbstversuchen oder Experimenten an mehr oder weniger freiwilligen Probanden mittels der Moulagentechnik fest. Ausserdem dokumentieren sie Krankheitsbilder, die es heute kaum noch gibt. Zum Beispiel Pocken oder Spätstadien der Syphillis. Mit der Entdeckung von Penicillin sieht man fortgeschrittene Syphillis heute kaum noch. Und Pocken gelten seit 1979 als ausgerottet. Die Moulagen erinnern also auch an die medizinischen Fortschritte des letzten Jahrhunderts.

 

Infos zum Moulagenmuseum Zürich

Öffnungszeiten und Preise
Das Museum ist mittwochs von 14 bis 18 Uhr und samstags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Auf Anfrage kann man es auch ausserhalb der Öffnungszeiten besichtigen. Der Eintritt ist frei. Führungen können auf Anfrage und auch ausserhalb der Öffnungszeiten gebucht werden (Kosten CHF 120.-).

Anfahrt
Das Museum liegt im Zürcher Hochschulquartier an der Haldenbachstrasse 14, gegenüber der Tramhaltestelle «Haldenbach», zu der man mit dem Tram Nr. 9 oder Nr. 10 gelangt.
Weitere Informationen unter www.moulagen.ch.

 

Den vollständigen Artikel und weiteres Bild- und Videomaterial finden Sie auf higgs.ch.

Story von Leonie Pahud

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