Primaten auf Facebook

Nie zuvor haben sich soziale Netzwerke so schnell gewandelt wie mit dem Aufkommen von Facebook, Twitter und Co. Vermehrt diskutieren Regierungen nun auch über Regulierungen. Hier muss die Forschung unbedingt mitreden können.

Am 25. März 2022 befragte Elon Musk seine 92 Millionen Twitter-Follower, ob sie der Meinung seien, dass Twitter sich strikt an das Prinzip der freien Meinungsäusserung halte, was er als wesentlich für die Demokratie betrachte. Nach über zwei Millionen Abstimmungen antwortete eine Mehrheit von siebzig Prozent mit «Nein». Einige Wochen später schloss Musk, der reichste Mensch der Welt, einen Vertrag zum Kauf von Twitter ab und kündigte eine Reihe von Massnahmen zur Umgestaltung der Plattform an, bei denen die Meinungsfreiheit im Vordergrund stand. Abgesehen von der Frage, wie sich diese Massnahmen auswirken werden, ist es manchmal schwer sich vorzustellen, wie eine solche Reihe von Ereignissen vor nur zwanzig Jahren einfach nicht hätte stattfinden können, da es damals keine sozialen Medien gab.

Alexandre Bovet

Alexandre Bovet ist Assistenzprofessor für Quantitative Netzwerkwissenschaften und Mitglied der Digital Society Initiative an der Universität Zürich. Er befasst sich in seiner Forschung mit komplexen Systemen und deren Modellierung. Er ist Mitglied der Jungen Akademie Schweiz.

Ein Blick zurück

Die Organisation sozialer Netzwerke und die Kommunikationsmittel regeln, wie Informationen in unseren Gesellschaften übermittelt werden und damit den potenziellen Einfluss eines Einzelnen. Sie haben sich im Laufe des Lebens unserer Spezies stark verändert. Während der letzten 250 000 Jahre bestanden unsere Netzwerke aus wenigen Familien, die Informationen mündlich und durch Gesten weitergaben, wodurch sie sich nur langsam verbreiteten und schnell veralteten. Seit dem Aufkommen der Landwirtschaft vor etwa 12 000 Jahren wurden die Mittel zur Kommunikation allmählich effizienter – beispielsweise durch Bücher, Radio und Fernsehen – und die sozialen Netzwerke allmählich grösser. Noch immer aber kontrollierten diese ein kleiner Teil der Gesellschaft, wie Kirchen- oder Regierungsmitglieder sowie Medienschaffende.

Veränderte Machtverhältnisse

Seit es das Internet und soziale Netzwerke online gibt, hat sich nicht nur die Grösse der Netzwerke drastisch verändert, sondern auch ihre Struktur und Dynamik. Die knapp fünf Milliarden Menschen, die Zugang zum Internet haben, können eine Information kostenlos auf Twitter oder Instagram teilen und leicht Tausende oder sogar Millionen von Menschen erreichen. All dies geschieht innerhalb weniger Stunden und ohne, dass sich die ursprüngliche Botschaft verändert. Politiker und Journalistinnen, die früher die Nachrichten unter Kontrolle hatten, konkurrieren nun mit Influencern um unsere Aufmerksamkeit. Diese Veränderungen haben die Machtverhältnisse umgekehrt. Auf der einen Seite haben sie der Bevölkerung neue Mittel an die Hand gegeben, um die Kontrolle der Eliten über politische Themen herauszufordern, und sie haben die Stimmen bestimmter historisch marginalisierter Gruppen gefördert. Auf der anderen Seite werden die sozialen Medien aber auch genutzt, um Desinformation, Verschwörungstheorien und Hassreden zu fördern oder die öffentliche Meinung zu manipulieren. Unter diesen Bedingungen ist es sehr schwierig, sich ein genaues Bild von der Welt um uns herum zu machen und Entscheidungen zu treffen – wie etwa, sich impfen zu lassen oder nicht.

Facebook wurde 2004 gegründet, Twitter 2006. Innerhalb von weniger als zwanzig Jahren also haben die sozialen Medien die Art und Weise, wie wir kommunizieren, radikal verändert. Dieser Wandel verfolgte nicht das Ziel, die Qualität der Informationen oder unser Wohlbefinden im Allgemeinen zu verbessern, sondern sollte einigen wenigen Unternehmen in erster Linie Geld bringen. Um dies zu erreichen, bedienten sich die Plattformen einigen Tricks: Sie nutzen unsere kognitiven Verzerrungen aus, etwa die Tatsache, dass wir Menschen dazu tendieren, solche Informationen zu bevorzugen, die unsere vorgefassten Meinungen bestätigen. Und wir sind beeinflussbar und reagieren auf alles, was emotionale Reaktionen hervorruft. Die Algorithmen der Plattformen sind darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit zu wecken und uns dazu zu bringen, auf Werbeanzeigen zu klicken. Studien an Primaten legen nahe, dass die Grösse unseres sogenannten Neokortex, also eines Teils unseres Gehirns, die Anzahl der bedeutungsvollen Beziehungen begrenzt, die wir mit anderen Menschen aufrechterhalten können. Beim Menschen sind es etwa 150. Das Leben in grösseren Gruppen würde zu einer Überlastung an Informationen führen. Tatsächlich entwickelten wir uns so, dass wir in kleinen Gruppen leben, in denen sich Informationen – da mündlich weitergegeben – nur langsam verbreiten und schnell verändert werden. Unter diesen Bedingungen waren unsere kognitiven Verzerrungen und emotionalen Reaktionen wahrscheinlich nützlich für das gesellschaftliche Leben. Doch derzeit tragen sie dazu bei, dass sich Fehlinformationen und die zunehmende Polarisierung in den sozialen Medien weiter verstärken.

Eine Frage des Designs

Immer mehr Forschung zeigt, dass das Problem nicht unbedingt bei den Usern liegt, sondern vielmehr bei der Art und Weise, wie die Plattformen gestaltet wurden. Ihr Design prägt unser Verhalten. Auf Facebook gibt es «Love»-, «Wow»-, «Traurig»- und «Wütend»-Buttons, aber keinen für «Interessant» oder «Sehr lehrreich». Ausserdem sind die Algorithmen manchmal absichtlich verzerrt, um jene Beiträge sichtbarer zu machen, die am meisten empören. Dadurch werden wir unwillkürlich dazu erzogen, Beiträge zu schreiben, die wiederum mehr Empörung hervorrufen.

Verschiedene Studien zeigen nun bereits Wege auf, wie Plattformen gestaltet werden können, die einerseits die Qualität der Informationen und konstruktive Debatten fördern und andererseits Hass und Spaltung verringern. Zum Beispiel, indem man die Umgebung der Nutzerinnen und Nutzer so verändert, dass sie ermutigt werden, die Glaubwürdigkeit ihrer Quellen zu überprüfen. Und sodass sie sich der Faktoren bewusst sind, die darüber entscheiden, was in ihrem Newsfeed erscheint.

Forschung und Unternehmen müssen zusammenspannen

Doch um bessere soziale Medien zu entwerfen, müssen wir die komplexen Mechanismen verstehen, die sie steuern. Was würde passieren, wenn wir nicht die Nachrichten fördern würden, die das meiste Engagement erzeugen, sondern jene, die von einem breiten Publikum geliebt werden? Kann man Menschen anonym sprechen lassen, aber Trolle und Bots vermeiden? Um diese Fragen zu beantworten, braucht es interdisziplinäre Anstrengungen, die unter anderem kognitive Wissenschaften, Sozialwissenschaften, Netzwerkwissenschaften, komplexe Systeme und künstliche Intelligenz miteinander verbinden.

Diese Forschung sollte auf transparente und unabhängige Weise von der wissenschaftlichen Gemeinschaft in Zusammenarbeit mit den Plattformen durchgeführt werden und könnte die Gesellschaft bei der Einführung eines Regulierungssystems leiten. Andere Branchen, die eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellen, wie etwa die Automobilindustrie, haben sich regulieren lassen und sich an Sicherheitsstandards angepasst. Die Regierungen beginnen nun, über Möglichkeiten zur Regulierung von sozialen Plattformen nachzudenken. Doch diese Regulierung sollte von Ergebnissen geleitet werden, die durch wissenschaftliche Methoden belegt sind und dem öffentlichen Interesse dienen.

Denn: In einer Welt, in der die sozialen Medien eine unbestreitbare Rolle in unserem Alltag, bei öffentlichen Debatten, Pandemien und Kriegen spielen, dürfen wir es nicht zulassen, dass Millionäre oder politische Entscheidungsträger darüber spekulieren, wie ein so wichtiges und kompliziertes Problem angegangen werden soll.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der Jungen Akademie Schweiz.

 

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Dialog von Alexandre Bovet