«Wirtschaftswachstum verbessert nicht die Lebensqualität»

Die Umwelt schonen, statt auf Konsum setzen – Lebensqualität statt noch mehr Wirtschaftswachstum: Das will die Vereinigung «Degrowth Switzerland». Jetzt nehmen die Köpfe dahinter die Politiker in die Pflicht.

Am Anfang war es eine Idee von Studenten: Junge Menschen versammelten sich in Zürich, um über den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Klimanotstand zu diskutieren. Daraus ist im Dezember dieses Jahres die Organisation «Degrowth» Schweiz entstanden. Mittlerweile zählen rund dreissig Wissenschaftler, Akademiker, Politiker und Bürger aller Altersgruppen zu den aktiven Mitgliedern. Darunter auch Julia Steinberger, Professorin für soziale Folgen des Klimawandels an der Universität Lausanne. Sie erklärt, warum sich das Plädoyer des Vereins auch an die Schweiz richtet.

Julia Steinberger, Sie gehören zu den Wissenschaftlerinnen, die der neuen Organisation «Degrowth Switzerland» beigetreten sind. Warum unterstützen Sie die Bewegung?

Das Wirtschaftswachstum erfordert immer mehr Energie, Land und Ressourcen, doch wir haben eine endliche Welt. Wir reden heute zwar von «grünem Wachstum» – beispielsweise in Bezug auf die Energiewende. Doch es gibt keinen Beweis dafür, dass wir das Wirtschaftswachstum von den ökologischen Auswirkungen entkoppeln können, um nahe an der 1,5-Grad-Grenze für die globale Erwärmung zu bleiben. Und zu der hat sich die Schweiz ja im Rahmen des Pariser Abkommens verpflichtet.

Neuere Forschungsergebnisse zeigen auch: Das Wirtschaftswachstum kann ab einem moderaten Einkommen die Lebensqualität nicht weiter verbessern. Es verstärkt die sozialen Ungleichheiten und schädigt die Umwelt. Für viele Wissenschaftler ist klar geworden, dass Produktion und Konsum von Gütern auf ein vernünftiges Mass reduziert werden müssen, um einen sozial gerechten und ökologisch nachhaltigen Weg einzuschlagen.

Dies würde das katastrophale Szenario verhindern, auf das wir zusteuern: Eine Krise, die Umwelt, Gesundheit, Gesellschaft und Wirtschaft gleichermassen betrifft. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand und der Klimawandel ist nur eines von vielen Symptomen einer globaleren Störung.

Was schlagen Sie vor?

Wir schlagen vor, unsere Volkswirtschaften und Institutionen zu überdenken und zu stärken. Dies, damit ihre Stabilität nicht von einem kontinuierlichem Wachstum abhängt, das der Umwelt und dem menschlichen Wohlergehen schadet. Stattdessen gilt es, unsere Wirtschaft auf die Ziele auszurichten, die wir erreichen wollen. Das heisst: Lebensqualität unter Einhaltung der planetaren Grenzen, also mit möglichst geringem Verbrauch an natürlichen Ressourcen und Energie. Dies ist eine doppelte Herausforderung, die laut Modellrechnungen durchaus möglich ist. Offen ist die Frage der Umsetzung: Wie können wir unsere Politiker dazu zu bringen, unsere Wirtschaft zu überdenken?

Ist Degrowth Ihrer Meinung nach im liberalen Kontext der Schweiz realisierbar?

Das Prinzip ist in allen entwickelten Gesellschaften anwendbar – auch in der Schweiz, die einen starken Kohlenstoff- und Umweltfussabdruck hat. Theoretisch und laut den Modellen ist es möglich. Letztlich hängt es aber vom Willen und der Fähigkeit unserer Demokratie und der politischen Entscheidungsträger ab, unser Wirtschaftssystem umzustrukturieren. Konkret würde es sich um eine Politik handeln, die sowohl sektoral als auch sektorübergreifend ist. Zum Beispiel könnte durch ein Überdenken der Wachstumsabhängigkeit der Staatshaushalte, eine Verkürzung der Arbeitszeit auf vier Tage pro Woche und die Einführung starker sozialer Schutzmechanismen, unabhängig vom Wirtschaftswachstum, ein angemessener Lebensstandard für alle aufrechterhalten bleiben. Studien zeigen, dass diese Massnahmen positive ökologische und soziale Auswirkungen haben.

Das Thema ist immer noch ein Tabu und wird oft als «utopisch» bezeichnet…

Jede gesellschaftliche Veränderung erscheint utopisch, bevor sie konkretisiert wird. Heute ist es eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache, dass ein gesellschaftlicher Wandel nötig ist, um einen Zusammenbruch zu verhindern. Die Studien zeigen, dass es völlig unrealistisch ist, das menschliche Wohlergehen und die Lebensgrundlagen (die planetaren Grenzen, Anmerkung der Redaktion) durch Wirtschaftswachstum zu schützen. Umgekehrt sind Szenarien eines Energieabbaus, die auf einem moderaten Verbrauch und einer moderaten Produktion beruhen, vielversprechend.

Im März 2022 wird der Bericht der dritten IPCC-Arbeitsgruppe über die Eindämmung des Klimawandels veröffentlicht, dessen Hauptautorin Sie sind. Kann man davon ausgehen, dass Reduktion thematisiert wird?

Als IPCC-Experten dürfen wir vor der Veröffentlichung keine Auskunft über Inhalte geben. Ich kann Ihnen nur Folgendes sagen: Der neue Bericht wird sich mit der Frage befassen, ob eine Verringerung des Energieverbrauchs mit einer nachhaltigen Entwicklung vereinbar ist oder nicht. Genaueres werden wir im Frühjahr erfahren.

 

Dieser Beitrag wurde erstmals auf Heidi.news veröffentlicht. Er wurde von Corinne Goetschel aus dem Französischen übersetzt.

von Rachael Barbara Häubi