KI in der Schweiz

«Es gibt keine Intelligenz in der künstlichen Intelligenz»

Zürich soll in den nächsten zehn Jahren zu einem KI-Hub werden. Was das genau heisst und was künstliche Intelligenz überhaupt ist, darüber herrscht aber keine Einigkeit unter den Forschenden der Schweiz. Eine Auslegeordnung.

Die Schweiz gehört weltweit zur Spitze, wenn es um KI-Forschung geht. Das zeigen die Zahlen des «AI Index Report 2019», einem internationalen Projekt der Stanford University. Im Jahr 2018 hat unser Land pro Kopf 68 Studien zu Künstlicher Intelligenz und 75 zu Deep Learning publiziert. Die Schweiz steht in Forschung und Entwicklung weltweit auf Platz zwei, nur Singapur ist noch aktiver. Forschungslabore an der ETH, der EPFL, der Universität Zürich, von IBM Research, am Idiap in Lausanne oder am Dalle Molle Institute im Tessin forschen seit Jahrzehnten zu Künstlicher Intelligenz, autonomen Systemen und maschinellem Lernen. Das daraus resultierende Knowhow zieht Firmen wie Google, IBM, Disney Research oder Yahoo nach Zürich. Hinzu kommen unzählige Startups, die sich der Bilderkennung, Spracherkennung und vielen weiteren Bereichen widmen. Für das Jahr 2017 wies die Schweiz pro Kopf weltweit die meisten KI-Unternehmen aus.

Die Forschung ist top, aber in der Umsetzung scheint es zu hapern. Eine Studie vom Marktforschungsinstitut MSM und Swisscom zeigte 2018: In Sachen KI stehen Schweizer Firmen immer noch am Anfang. Für 47 Prozent der befragten Unternehmen war damals der konkrete Nutzen von KI-Lösungen nach wie vor nicht ersichtlich. Grund war auch fehlendes Wissen: 58 Prozent der Befragten beklagten dieses.

Diese Kluft zwischen Forschung und Anwendung zeigt: KI heisst Vieles. Und nicht für alle das gleiche.

Der Visionär

Wenn der Zürcher Unternehmer Pascal Kaufmann von Künstlicher Intelligenz redet, ist er wie elektrisiert: «Der Race wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren entschieden sein», sagt er am Telefon. Der Race: Der Neurowissenschaftler meint damit das Rennen um die erste menschenähnliche, «generelle» Künstliche Intelligenz. Und will Zürich mit dem Geld seiner Stiftung Mindfire zur Vorreiterin machen. Dazu organisierte er letzten Oktober einen «Roundtable», an dem die Vorsteherin der kantonalen Volkswirtschaftsdirektion, Carmen Walker Späh, ebenso zugegen war wie Vertreterinnen und Vertreter der ETH, der ZHAW und der Universitäten Zürich und Lugano sowie der Industrie. Den Medien wurde das als «Schulterschluss zur Lancierung eines Zentrums für Künstliche Intelligenz und Robotik in Zürich» angepriesen.

Am Treffen verabschiedeten die Teilnehmenden das «Belvoir Manifest für KI». Hauptziel: Ein internationales Forschungslabor in Zürich aufbauen. «Wir wollen 200 000 bis 300 000 Leute vernetzen», sagt Kaufmann. «Es wird ein virtuelles Lab sein. Da sitzt man dann als Avatar in Shanghai in einer Vorlesung. Man kann an zehn bis zwanzig Unis gleichzeitig studieren.» Die Methodik ist ähnlich, wie bei Kaufmanns Unternehmen Starmind, das Grossfirmen intern vernetzt. Dabei kommen selbstlernende Algorithmen zum Einsatz, welche Knowhow-Profile von Nutzern automatisiert erstellen und Problemstellungen vollends autonom an den geeigneten Experten weltweit weiterleiten.

Ziel des Labors sei die Erschaffung eines «Robot-Scientists» bis 2030. «Eine menschenähnliche Künstliche Intelligenz, die neugierig und kreativ ist, interagieren kann, selbständig lernt und dabei innert kürzester Zeit 100 Millionen Papers lesen kann statt nur ein paar Dutzend, wie der Mensch, wird die Forschungen revolutionieren können», sagt Kaufmann. Krebs, Altersforschung: die Probleme der Forschung könnten laut Kaufmann wesentlich effizienter gelöst werden. Kaufmann beziffert die Kosten für dieses Unterfangen im Milliarden Bereich.

Ist das nur eine Spinnerei oder realistisch? Kaufmann glaubt fest an die Realisierbarkeit einer menschenartigem KI: «Wir wollen keine künstlichen Hirne bauen, wir möchten das Prinzip der Intelligenz verstehen. Also keine künstlichen Vögel bauen sondern Flugzeuge.» Die gegenwärtige KI-Forschung sei aber vermutlich auf dem Holzweg. Deep Neural Networks und maschinelles Lernen hätten die KI-Forschung und das Verständnis um die Prinzipien der Intelligenz eher zurückgeworfen als gefördert. «Das basiert auf der falschen Vorstellung, dass das Gehirn ein schneller Computer sei», sagt Kaufmann. «Die heutige KI muss 100 Millionen Katzenbilder anschauen, bis sie eine Katze erkennt. Ein kleines Kind sieht eine einzige Katze, streichelt sie, und weiss, dass das eine Katze ist.» Das Hirn sei eher eine small-data- statt eine big-data-Maschine. «Vielleicht ist das Hirn eher eine Art Superorganismus, welcher aus Milliarden von Akteuren besteht, welche wiederum gewissen Regeln folgen. Diese Regeln können verstanden und mittels modernster Technologie in Prototypen angewendet werden.»

Der Skeptiker

Der KI-Forscher Hervé Bourlard hat schon viele «Hubs» kommen und gehen sehen. Seit über 20 Jahren forscht der Belgier am Idiap, dem Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz, das der EPFL angeschlossen ist. «Ich bin mir nicht sicher, ob wir einen neuen Hub brauchen», sagt er. «Die Leute, zum Beispiel beim Bund, haben Angst, die Schweiz würde den Zug verpassen. Welchen Zug? Wir sind nicht zu spät. Wir forschen Schritt für Schritt, wie alle anderen auch.» Die Schweiz sei weltweit bereits gut positioniert.

Die Initiative beobachtet Bourlard aus der Ferne. «Ich weiss nicht einmal was ein menschenähnlicher, intelligenter Roboter sein soll. Ich selber würde nie behaupten, dass ich etwas schaffe, dass auch nur annähernd einer wirklichen Künstlichen Intelligenz gleicht». Was heute als KI bezeichnet werde, sei vor allem maschinelles Lernen und Datenwissenschaft: Daten prozessieren, Daten verstehen, über diese Daten menschliches Verhalten modellieren. Hierfür komme hochentwickelte Mathematik zum Zug: Statistik, Korrelationen und nicht-lineare Modellierungen. «Das ist 90 Prozent von dem, was KI heute macht», sagt er. Denn: «Im Moment gibt es keine Intelligenz in der künstlichen Intelligenz. Und das wird wohl mindestens für die nächsten 50 Jahre so bleiben».

Als Beispiel nennt er autonome Fahrzeuge: «Ich glaube nicht, dass diese in den nächsten paar Jahren kommen werden», prophezeit er. Denn: «Auch wenn ein Auto alle Sensoren hat und seine Umgebung erkennen kann: Erkennen ist nicht verstehen, wie wir das als Menschen tun», sagt er. «Wir sind nicht annähernd in der Reichweite, wirklich intelligente Autos zu bauen.» Der Begriff Künstliche Intelligenz, sei eigentlich der falsche Begriff. Ein Wort des Marketings, das eine Ökonomie der Versprechen aufbaue und falsche Erwartungen schüre. «KI»: das ziehe schlicht Geld an.

Statt der Künstlichen Intelligenz nachzujagen, will Hervé Bourlard eine andere Vision verwirklichen: mit Hilfe von KI die Kommunikation der Menschen beschleunigen und optimieren. Zum Beispiel über virtuelle Konferenztools – was in Zeiten von Homeoffice nötiger denn je ist.
«In zehn oder zwanzig Jahren wird KI den Menschen entlasten», sagt er. Zum Beispiel in der Medizin: Radiologen würden bei leichten Fällen auf KI zurückgreifen und so mehr Zeit haben für die schweren Fälle. «KI assistiert. Sie ersetzt den Menschen nicht.»

Deshalb setzt Hervé Bourlard auf Forschung, die im Hier und Jetzt eingesetzt werden kann. «Viele Firmen digitalisieren richtigerweise ihre Daten. Und dann wissen sie oft nicht, was sie mit den Daten tun sollen.» Darum setzt der KI-Master der Idiap auf die direkte Zusammenarbeit mit der Industrie: Studierende machen ein Fernstudium und sind gleichzeitig bereits in Betrieben integriert.

Der Pragmatiker

«Das heute Potenzial von KI liegt nicht in Science Fiction sondern in anwendbaren Lösungen für alle Industrien», sagt Andy Fitze. Er ist der Mitbegründer von Swiss Cognitive, einem Unternehmen, welches die Interessen verschiedenster Akteure rund um Künstliche Intelligenz vernetzt. «Der Drang nach Menschenähnlichkeit von Künstlicher Intelligenz ist dabei eine Sackgasse und schürt Angst», sagt er. Was es jetzt brauche seien gute Beispiele von praktischen Anwendungen in der Industrie. «Taten statt Worte.» Die Schweiz habe mit ihren Institutionen, Startups und lokalen und globalen Firmen bereits eine herausragende globale Stellung in der KI.

Fitze ortet in der Schweiz vor allem zwei Branchen, in denen KI grosses Potential hat. Erstens: die Gesundheitsbranche. Hier könnte Bilderkennung Menschen in der Diagnose übertrumpfen – wie dies bereits bei Brustkrebs der Fall ist. Auch die Entwicklung von Medikamenten könnte KI auf den Kopf stellen. Die zweite Branche ist die Logistik. Hier sei KI noch kaum angekommen. «Über die Optimierung der Auslastung von Strassen, Bahn und Auto könnte man Milliarden von Franken beim weiteren Ausbau der Infrastrukturen sparen», so Fitze. Auch er glaubt, dass autonome Fahrzeuge noch nicht so bald eingesetzt würden – auch wegen dem öffentlichen Widerstand. Aber teilautonome. «Es sind ja die Menschen, die Stau produzieren durch unterschiedliche Geschwindigkeiten. Teilautonome Fahrzeuge könnten das verhindern. Lastwagen zum Beispiel könnten gewisse Teilstrecken teilautonom fahren.» Es gebe noch viele weitere Anwendungen, die die Welt zu einem besseren Ort machen würden: Optimierung der Landwirtschaft, durch intelligente Düngung oder Schädlingsbekämpfung, Krisenmanagement mittels Drohnen – die Liste ist lang.

Die Künstliche Intelligenz, so zeigt sich, ist ein Kind mit vielen Namen. Unternehmer, Visionäre und Forschende erwarten ganz unterschiedliches von ihr. Eines aber haben sie alle gemeinsam: Dieses Kind beflügelt die Fantasie.

Dies ist der erste von vier Teilen einer KI-Serie. Die Serie wird ermöglicht durch die Unterstützung der Hasler Stiftung.

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